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1. Das
Bakterium Yersinia pestis
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- Das Pestbakterium
Yersinia pestis wurde nach dem Mediziner Alexandre Yersin benannt. Alexandre Yersin wurde am
22.09.1863 in Lavaux, einer Stadt in der französischen Schweiz, geboren. Er
begann 1884 in Marburg Medizin zu studieren.
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- Zwischenzeitlich arbeitete er
als Präparator. Bei seiner Arbeit lernte er einen engen Mitarbeiter Luis
Pasteurs namens Roux kennen. Mit ihm entdeckte er das Diphterietoxin. 1888
belegte er am Robert Koch Institut in Berlin einen Kurs im Fach
Bakteriologie. Von 1890 bis 1891 war er Schiffsarzt bei der Handelsmarine.
Außerdem unternahm er Forschungsreisen ins unerschlossene Hinterland, bis er
schließlich mit der Untersuchung der Pestepidemie in China um 1894
beauftragt wurde. Innerhalb von drei Wochen erkannte er, dass in den Beulen
der Pestleichen der Erreger sitzt und entdeckte das später nach ihm benannte
Bakterium Yersinia pestis. Außerdem beschrieb er die wesentlichen
Eigenschaften des Pestbakteriums. Er identifizierte die Ratte als den
Überträger des Bakteriums und somit der Seuche. Damit erreichte er den
medizinischen Durchbruch.
- Der Genus Yersinia
wird der Familie Enterobacteriaceae zugeordnet. Die wichtigen
pathogenen Arten sind Yersinia pestis, Yersinia enterocolitica
und Yersinia pseudotubercolosis. Die letzten zwei genannten sind
Erreger der Pseudotuberkolose und Yersinia pestis verursacht die
Pest. Weitere Vertreter wie Y. kristensenii, Y. bercovieri,
Y. frederiksenii, Y. mollaretii und Y. intermedia spielen nur
eine untergeordnete Rolle. Yersinia ruckeri ist bekannt als Erreger
der Rotmaulseuche. Yersinien sind anaerob bis fakultativ anaerob.
Ihre Zellen sind meistens kokkobazillär und färben sich gramnegativ.
Außerdem können sie pleomorph sein.
- Die
Differenzierungsmerkmale der Yersinien werden in Tab. 2 ersichtlich.
- Sehr eng miteinander
verwandt sind Y. pestis und Y. pseudotuberculosis.
Wahrscheinlich ist Y. pestis vor nur ca. 1500 – 20.000 Jahren aus
Y. pseudotuberculosis hervorgegangen. Die Verwandtschaft wird im
Stammbaum deutlich (siehe Bilder / Tabellen).
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1.2.1 Differenzierung
nach Biovaren
- Das Bakterium Y.
pestis wird in vier Biovare unterteilt. Diese sind Antiqua,
Orientalis und Mediaevalis. Erst vor kurzem wurde das Biovar
Microtus gefunden. Die ersten drei werden durch die Fähigkeit zur
Nitratreduktion, Glycerolvergärung und Ammoniakproduktion differenziert
(siehe Bilder / Tabellen).
- Microtus
unterscheidet sich besonders durch die fehlende Pathogenität. Jeder der
pathogenen Biovare wird einer großen Pandemie zugeordnet. Antiqua ist
vor allem in Afrika zu finden. Dieser Biovar gilt als Auslöser für die
Justinianische Pest. Der „Schwarze Tod“ gehört zum Biovar Mediaevalis
und ist in Zentralasien lokalisiert. Orientalis löste die moderne
Pest aus und ist am weitesten verbreitet.
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1.3
Morphologischer Aufbau
- Yersinia pestis
ist ein kurzes, plumpes, unbegeißeltes und dadurch unbewegliches
Stäbchenbakterium. Ab 37°C ist es von einer Kapsel umgeben. Es ist 0,5 bis
0,8 Mikrometer breit und 1-1,3 Mikrometer lang).
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1.4 Pathogenitätsmechanismus
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1.4.1 Entstehung und
Verlauf der Krankheit
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- Die Pest ist
hauptsächlich eine Zoonose der verschiedenen Nagetierarten. Die direkte
Infektion erfolgt meist perkutan durch einen Flohbiss, wobei hier der
Rattenfloh (Xenopsylla cheopsis) die vorwiegende Rolle spielt. Daher
wird der Fokus der Pestübertragung hier auf Ektoparasiten gerichtet.
Außerdem kann man durch Einatmen der Bakterien infiziert werden.
- Nachdem der Floh das Blut
eines infizierten Tieres in seinen Vormagen aufgenommen hat, vermehrt sich
das Yersinia-Bakterium dort um ein Vielfaches. Beim erneuten Biss des Flohs
erbricht er eine große Menge der Bakterien in die Bisswunde des Opfers.
- Da Yersinia pestis
ein fakultativ intrazelluläres Bakterium ist, ist es in der Lage sich sowohl
intrazellulär als auch extrazellulär zu vermehren. Durch bestimmte Proteine
kann sich die Pest in Wirtszellen einnisten. Dies bringt dem Pestbakterium
wichtige Vorteile. Es ermöglicht eine weite Verbreitung auch in tieferen
Geweben, da Zellbarrieren überwunden werden. Meist haben die Bakterien
dadurch auch ein nährstoffreiches Habitat und daher bessere
Wachstumsbedingungen. Doch auch der Schutzfaktor ist wichtig. Denn in den
Zellen haben die Pestbakterien einen Teilschutz vor Antibiotika und sind
weitgehend vor Antikörpern und Phagozyten geschützt. Für Y. pestis
ist die intrazelluläre Vermehrung jedoch zusätzlich die Voraussetzung alle
Virulenzfaktoren zu bilden, die bei der primären Infektion des menschlichen
Organismus noch nicht vorhanden sind. Sind antiphagozytäre Pathogene noch
nicht exprimiert, wird ein Großteil der Bakterien sofort nach der Injektion
durch Granulozyten vernichtet. Daher beginnt Y. pestis sofort mit der
Invasion von nicht aktivierten Fresszellen und Epithelzellen, um sich dort
unter Bläschen- und Pustelbildung zu vermehren. Hier wird nun die Virulenz
bei 37°C voll entfaltet. Es bildet sich eine schützende Kapsel und
Invasionsproteine. Anschließend gelangen die Bakterien vom Lymphsystem in
die lokalen Lymphknoten. Diese schwellen aufgrund von vermehrter
Leukozytenbildung an, entzünden sich und eitern. Die Vermehrung wird nun
durch die Virulenzfaktoren, welche die Abwehrkräfte der Zellen senken, stark
vorangetrieben. Wenn die Lymphknoten mit den Pestbakterien überlastet
werden, bricht die Abwehrbarriere zusammen. Bald darauf kommt es zum
Einbruch der Bakterien in die Blutbahn. Daraus resultiert eine Sepsis. Nach
und nach werden alle Organe befallen. Durch die Streuung im Blut gelangt das
Bakterium in den kleinen Blutkreislauf und somit in die Lunge. Eine
Lungenpest ist die Folge. Durch eine Entzündung der Bronchien (Bronchitis)
versucht der Körper das Bakterium abzuwehren. Doch schnell werden weitere
Teile der Lunge befallen, was zur Lungenentzündung und Atemnot führt. In
diesem späteren Stadium vermehren sich immer mehr Bakterien extrazellulär.
Bei hoher Erregerkonzentration im Blut kommt es zu Verklumpungen. Aufgrund
dieser stark ablaufenden Blutgerinnung werden immer mehr Gerinnungsfaktoren
(z.B. Fibrinogen) verbraucht. Y. pestis jedoch löst das Fibrinogen
mithilfe des Plasminogen-Aktivator-Proteins und versucht so die Verklumpung
des Blutes zu verringern. Da aufgrund der erhöhten Ausschüttung nun nur noch
wenige Gerinnungsfaktoren vorhanden sind, kann der Körper immer schlechter
Blutungen stillen und zeigt eine starke Bereitschaft für Blutungen. Dies
verursacht ein schweres Krankheitsbild mit Hämorrhagien auf der Haut und in
den Organen und stellt eine lebensbedrohliche Situation dar. Im Endstadium
ist das Herz nicht mehr in der Lage genügend Blut in den Körper zu pumpen.
Die Folgen sind Herzschwäche, Kreislaufversagen und letztendlich der Tod des
Wirts.
- Das Pestbakterium kann 3
Plasmide besitzen, die verschiedene Virulenzgene tragen. Im Gegensatz zur
chromosomalen Genkodierung stellt die Plasmidkodierung eine eigenständige
Erbinformation unabhängig vom Chromosom der Plasmide dar.
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- Einige Plasmide können sich jedoch in das Chromosom einbauen und zwischen den
Bakterien ausgetauscht werden. Plasmide sind ringförmige DNA-Moleküle, die
in einer Bakterienzelle neben der chromosomalen DNA vorhanden sein können.
Sie können sich unabhängig von der chromosomalen DNA duplizieren und
enthalten Gene, welche dem Bakterium selektive Vorteile wie z.B.
Impfstoffresistenz verschaffen können. Bakterien ohne Plasmid haben daher
eine sehr viel geringere Virulenz und können leichter vom Immunsystem
besiegt werden.
- Das wichtigste Plasmid
ist das pYV (plasmid for Yersinia Virulenz [70 Kilobasen]), da es essentiell
für die anhaltende Vermehrung im Wirtsgewebe ist. Es kodiert das „Typ-III-Sekretionssystem“,
„Yops“ (Yersinia outer proteins) und das „V-Antigen“.
- Außerdem
gibt es noch zwei für Y. pestis spezifische Plasmide (pMT1 [101kb]und
pPCP1 [9,6kb]), die ebenfalls die Virulenz vergrößern und eine höhere
Durchlässigkeit durch Zellbarrieren ermöglichen. Die meisten Virulenzgene
von Y. pestis sind in Plasmiden kodiert.
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- 1.4.2.1 Kapsel (Fraktion 1)
- Diese Kapsel, die aus
einem Fraktion 1(F1) Protein besteht, wird bei 37°C und somit erst im Wirt
ausgebildet. Bei der optimalen Vermehrungstemperatur von Y. pestis
bei 28°C ist sie noch nicht ausgebildet. Sie ist immunogen. Die Aufgabe der
Kapsel ist es, die Resistenz des Bakteriums gegen Phagozytose, also gegen
die Aufnahme durch Makrophagen und Granulozyten zu erhöhen.
- 1.4.2.2 Typ-III-Sekretionssystem (TTSS)
- Das
Typ-III-Sekretionssystem (TTSS= type three secretions system) ist ein sehr
wichtiger Faktor für die Virulenz von Yersinia pestis. Es ist ein
Injektionsapparat, der einer Art hohlen Nadel gleicht. Durch diese Nadel,
die aus Eiweißen aufgebaut ist, werden Giftstoffe wie die Yops in die Fress-
bzw. Wirtszelle abgegeben. Dadurch werden die Zellen getötet und bieten nun
einen Nährboden für die eigene Vermehrung. Diese Nadel ist nur 60
Millionstel Millimeter groß und ragt aus dem Bakterium heraus.
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1.4.2.3 Yops (Yersinia outer proteins)
- Ebenfalls erst bei 37°C
werden die Invasionsproteine von Y. pestis, die Yops gebildet.
Nachdem sie durch das TTSS ausgesandt wurden, werden einige Yops direkt in
die Fresszellen abgegeben. Dort blockieren sie die Phagozytose und die
Produktion von entzündungsfördernden Gewebshormonen. Somit wird die
Entzündung, welche eine natürliche Abwehrreaktion des Körpers ist,
verhindert. Außerdem bewirken die Yops den programmierten Zelltod, die
Apoptose, der Fresszellen.
- Y. pestis gelangt
durch Bildung der Yops an Wirtszell-Rezeptoren in engen Kontakt mit der
Wirtszelle. Durch kontinuierliche Ausbreitung der Wirtszelle stülpt sich die
Wirtszellplasma-membran um das Bakterium, bis dieses ganz aufgenommen ist.
Dieses Eindringen in die Wirtszelle wird als Zipper-Mechanismus bezeichnet.
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1.4.2.4 Plasminogen-Aktivator Protein (Pla)
- Dieses Protein ist ein
extrazelluläres Produkt von Y. pestis. Es spielt eine wichtige Rolle
bei der generalisierten Ausbreitung (im ganzen Körper) des Bakteriums. Es
wirkt außerdem fibrinolytisch. Die Synthese des Pla ist nicht
temperaturabhängig, aber bei 37°C wirkt es stärker fibrinolytisch als bei
28°C.
- Auch das V-Antigen wird
bei 37°C ausgebildet. Es wird in extrazelluläre Gebiete abgegeben, wo es wie
die Yops Entzündungen blockiert. Es wirkt antiphagozytär. Außerdem bildet
dieses Protein die Struktur der Spitze des Typ-III-Sekretionssystems.
Antikörper gegen das
- V-Antigen bieten daher
einen gewissen Schutz gegen das Pestbakterium.
- Dieses Antigen ist ein
Endotoxin. Endotoxine werden erst nach dem Absterben der Bakterien
freigesetzt. Ihre toxische Wirkung ruft Fieber bis hin zum septischen Schock
hervor. Es werden Entzündungen in Abwehrzellen oder deren Zelltod
hervorgerufen. Dieses Toxin soll die Immunabwehr des Opfers schwächen, um
bessere Bedingungen für nachkommende Pestbakterien zu schaffen.
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Das Yersiniabactin ist im Gegensatz zu vielen
anderen Virulenzgenen chromosomal und nicht in einem Plasmid kodiert. Es
bildet ein Eisentransportsystem. Dieses Eisentransport- und aufnahmesystem
stellt einen essentiellen Virulenzfaktor aller Yersinien dar, weil Eisen für
zahlreiche Redoxprozesse beim Wachstum in der Zelle benötigt wird. Deshalb
ist eine effektive Eisenaufnahme für die Pathogenität von großer Bedeutung.
Im menschlichen Organismus ist die Konzentration an freiem Eisen jedoch
äußerst gering. Außerdem nehmen Leukozyten in infiziertem Gewebe zusätzlich
das Transportprotein Laktoferrin, an dem Eisen extrazellulär gebunden ist,
auf und halten die Eisenkonzentration so gering. Wenn zu wenig Eisen
vorhanden ist, scheiden pathogene Yersinia-Spezies, so auch
Yersinia pestis, Eisenchelatoren, so genannte Siderophore, aus.
Siderophore sind Stoffe die Eisen, zu dem sie eine hohe Affinität haben,
binden und zu dessen Transport dienen. Siderophore können sowohl bakterielle
Membrane als auch Membranen höherer Zellen überwinden und somit das
gebundene Eisen gezielter in das Zellinnere transportieren.
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1.4.2.8 „Mausletales
Toxin“
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Das „Mausletale Toxin“ ist ein an die Zelle
gebundenes Protein, welches toxisch für Mäuse und Ratten ist. Es ist jedoch,
selbst in großen Dosen, nicht toxisch für Meerschweinchen, Hasen, Hunde oder
Primaten. Es führt zum Kreislaufkollaps und wird erst nach dem Absterben des
Bakteriums abgegeben. Außerdem schützt es Y. pestis im Darm von
Flöhen, indem es eine für Zellgifte undurchdringliche Membran bildet.
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